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„Wissenschaftler warnen: Kokosöl ist genauso ungesund wie Butter“ schreibt der „Stern“ am 18.Juni 2017. „Darum ist Kokosöl schlimmer als Schweineschmalz“ postuliert die „Welt“ am 20.Juni. In vielen Zeitungen und Online-Publikationen werden zur Zeit Artikel veröffentlicht, die erklären, dass das vielgelobte Kokosöl nun doch nicht gesund und empfehlenswert ist.

Worum geht es?

Grund ist eine kürzlich veröffentliche Studie und darauf basierende Empfehlungen der American Heart Association (AHA). Die AHA warnt vor gesättigten Fettsäuren als Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Kokosöl liege an der Spitze der ungesunden Fette, da es über 80 Prozent gesättigte Fettsäuren enthalte. Problematisch seien gesättigte Fettsäuren, weil sie im Verdacht stehen, das schädliche LDL-Cholesterin zu erhöhen und dadurch Herz und Gefäßen zu schaden.1

Kritik an Vorgehensweise und Empfehlungen der American Heart Association

Um die Brisanz und Komplexität der Thematik zu verstehen, muss zunächst einmal erwähnt werden, dass der Kampf um den Gesundheitswert von gesättigten gegenüber ungesättigten Fettsäuren seit Jahrzehnten geführt wird. Oft sind es leider massive wirtschaftliche und zum Teil auch politische Interessen, die die jeweiligen Argumentationsketten beeinflussen. Ob und wie dies bei der American Heart Association der Fall ist, kann und will ich nicht beurteilen.

Zumindest zu denken geben sollte uns jedoch die kritische Stellungnahme Gary Taubes zu den jüngsten Empfehlungen der American Heart Association.2 Gary Taubes ist ein amerikanischer Wissenschaftsjournalist und Autor verschiedener prämierter Sachbücher und Artikel über Nahrungsmittel und wissenschaftliches Fehlverhalten.

Taubes wirft der American Heart Association (AHA) Voreingenommenheit und Einseitigkeit in der Auswahl der Studien vor, die sie für ihr Meta-Analyse zugelassen haben. Denn es handelt sich bei der neuen Studie der AHA nicht etwa um neue Beobachtungen und Erkenntnisse, sondern um eine Meta-Analyse früherer Studien.
Laut Taubes versucht die AHA mit einer sehr selektiven Auswahl ihren seit 50 Jahren vorgefassten Standpunkt weiterhin zu belegen und gegen Kritiker zu verteidigen.

Tatsächlich erachtet sie aus Tausenden von Studien über Zusammenhänge von Nahrungsfetten und Herz-Kreislauf-Erkrankungen nur vier Studien als verlässlich genug, um sie in ihre Bewertung von gesättigten Fettsäuren mit einzubeziehen. Laut AHA könne durch den Verzicht auf gesättigte Fettsäuren zugunsten ungesättigter Fettsäuren Herzinfarkte um 30% reduziert werden. Um zu diesem Ergebnis zu kommen habe sie laut Taubes jedoch systematisch alle Studien mit anderen oder gegensätzlichen Ergebnissen ausgeschlossen – auch sehr wichtige und große Studien, die von anderen Organisationen typischerweise anerkannt werden.

Die wenigen (genau vier) Studien, die die AHA anerkennt, stammen aus den 50er und 60er Jahren und wurden laut Taubes an heutigen wissenschaftlichen Standards gemessen sehr primitiv und zum Teil fehlerhaft durchgeführt.

Weiterhin bemerkt Taubes, dass in den letzten Jahren bereits mehrfach andere Meta-Analysen von unabhängigen Wissenschaftlern Beweise für die Ernährungsempfehlungen der American Heart Association als schwach und ungenügend befunden haben.

Die nicht bewiesene Fett-Hypothese

Die Hypothese, dass gesättigte Fettsäuren durch Erhöhung des Cholesterinspiegels zu einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen führen, wurde in den 1950er Jahren durch den Ernährungsforscher Ancel Keys aufgestellt.

Ein erhöhter Cholesterinwert als Ursache für Herz-Kreislauf-Erkrankungen wird inzwischen in Frage gestellt und andere Faktoren rücken stärker in den Vordergrund der Forschung.3 Dass Cholesterin in arteriosklerotischen Ablagerungen auftaucht ist trotzdem nicht verwunderlich, denn der Körper verwendet es als Reparatursubstanz.

In den letzten Jahren kamen außerdem mehrere Meta-Studien zu dem Schluss, dass gesättigte Fettsäuren keine ursächliche Beziehung zum Auftreten von Herz-
Kreislauf-Erkrankungen haben.4 Der Verzehr bestimmter gesättigter Fettsäuren scheint sogar mit einem verminderten Risiko für Herzinfarkt einher zu gehen.5

Für Kokosöl bedeuten diese Ergebnisse, dass es nicht allein deshalb diskreditiert werden darf, weil es zu über 80% aus gesättigten Fettsäuren besteht.

Freispruch für Kokosöl

Besonders interessant in Bezug auf die jüngsten Empfehlungen der American Heart Association sind die Ergebnisse einer Studie, die 1981 in The American Journal of Clinical Nutrition publiziert wurde. Es wurden die Bewohner zweier polynesischer Inseln untersucht. Die Mehrheit der Bewohner hatte „Idealgewicht“ und war bemerkenswert gesund. Herz-Kreislauf-Probleme schienen auf beiden Inseln nicht vorzukommen. Die Inselbewohner konsumierten täglich Kokosöl. Sie nahmen sogar bis zu 60% ihrer Energie durch Kokosöl zu sich, also in Form von gesättigten Fettsäuren, welche oft als Hauptverursacher für Übergewicht, hohe Blutfettwerte und Herz-Kreislauf-Erkrankungen angesehen werden! Die Studie kommt jedoch zu dem Schluss, dass in diesen Bevölkerungsgruppen die hohe Zufuhr gesättigter Fettsäuren keinerlei schädliche Auswirkungen hatte.6

Andere Forscher kommen zu ähnlichen Ergebnissen:

George Blackburn kommt 1988 zu dem Schluss, das Kokosöl, wenn es mit anderen Fetten oder mit ausreichend Omega-3-Fettsäuren ergänzt wird, hinsichtlich der Entstehung von Arteriosklerose ein „neutrales Fett“ darstellt.7

Kaunitz & Dayrit untersuchen 1992 die Versuchsdaten von Bevölkerungsgruppen, die zeitlebens Kokosnüsse verzehrt hatten. Sie kommen zu dem Schluss, dass Kokosöl in der Ernährung weder zu einem hohen Cholesterinwert, noch zu einem erhöhten Risiko für Herzkrankheiten führt.8

Weitere Kriterien zur Bewertung von Fetten und Kokosöl

Um die Eigenschaften und den Gesundheitswert eines Fettes oder Öls zu bewerten reicht es nicht aus, sich auf gesättigte und einfach- oder mehrfach ungesättigte Fettsäuren zu beziehen. Es sollten u.a. folgende Fragen gestellt werden:

a) Neigen die Fette dazu, freie Radikale zu bilden, welche unsere Zellen angreifen und zu vorzeitigem Altern und verschiedenen Krankheiten führen können?
Dies ist eine besondere Gefahr bei ungesättigten Fettsäuren und trifft für Kokosöl nicht zu. Gesättigte Fetten (u.a. Kokosöl) sind unempfindlich gegenüber Hitze, Licht und Sauerstoff. Das macht sie besonders stabil und haltbar.

b) Liegen die Fette in ihrer natürlichen Form vor oder als schädliche Transfette? Transfette entstehen z.B. beim Kochen durch zu starke Erhitzung ungesättigter Fettsäuren. Kokosöl ist aufgrund seiner Fettsäuren-Zusammensetzung das einzige schonend gepresste Pflanzenöl, das sich auch unter großer Hitze nicht gesundheitsschädlich verändert. Transfette entstehen außerdem durch industrielle Härtung ungesättigter Fettsäuren. Deshalb sollte natives Kokosöl verwendet werden, nicht etwa gehärtetes „Kokosfett“.

c) Wie lang sind die Moleküle der einzelnen Fettsäuren?
Es gibt kurz-, mittel- und langkettige Fettsäuren. Die meisten pflanzlichen und tierischen Fette bestehen vorwiegend aus langkettigen gesättigten oder ungesättigten Fettsäuren. Lediglich Butterfett, Kokosfett und Palmkernfett enthalten einen hohen Anteil an kurz- und mittelkettigen Fettsäuren. Kurz- und mittelkettige Fettsäuren haben mehrere Vorteile:
– Sie haben antimikrobielle Eigenschaften.
– Sie werden völlig anders verstoffwechselt als langkettige Fettsäuren. Sie sind sehr leicht verdaulich und können vom Körper ähnlich wie Kohlenhydrate ohne Umwege zur schnellen
Bereitstellung von Energie genutzt werden.
– Da sie so leicht für die Energiegewinnung genutzt werden können, lagert sie der Körper nicht gerne in Fettdepots ein.

Kokosöl und Muttermilch

Kokosöl besteht zu rund 50% aus der mittelkettigen gesättigten Fettsäure Laurinsäure. Laurinsäure und ihre Spaltprodukte wirken im Menschen stark antimikrobiell und helfen dem Körper im Kampf gegen viele Arten von Viren und Bakterien. Laurinsäure kommt in der Natur in nennenswerten Mengen nur in Muttermilch vor. Sie ist auch ein Bestandteil menschlicher Muttermilch. Sie schützt das noch kaum ausgebildete Immunsystem des Babys vor vielen Keimen.

Die in menschlicher Muttermilch enthaltenen Fette bestehen übrigens zu 50% aus gesättigten Fettsäuren, und Muttermilch enthält mehr Cholesterin als viele andere Nahrungsmittel. Wer würde es wagen, zu behaupten, Muttermilch sei ein suboptimales oder gar schädliches Nahrungsmittel? Könnte es nicht vielmehr so sein, dass wir von der Qualität und Zusammensetzung der Muttermilch etwas über eine optimale Fettversorgung des Menschen lernen können, wie es die Wissenschaftler German und Dillard in einer Studie aus dem Jahr 2010 nahelegen?9

Schützt Kokosöl womöglich sogar vor Arteriosklerose?

Neuere Forschungen gehen davon aus, dass Herpes- und andere Viren eine Rolle bei der Entstehung von Arteriosklerose spielen.10 Ironischerweise würde dann gerade Kokosöl präventiv wirken, da Laurinsäure, aus der Kokosöl zur Hälfte besteht, nachgewiesenermaßen genau diese Viren hemmen kann!

Weitere positive Wirkungen von Kokosöl nicht bewiesen?

In einigen der aktuell kursierenden Artikel wird behauptet, die vielfältigen gesundheitsförderlichen Wirkungen von Kokosöl seien nicht bewiesen.
Solche Aussagen beweisen lediglich eine schlechte Recherche. Allein in der öffentlich zugänglichen Datenbank der Amerikanischen Nationalbibliothek für Medizin (US National Library of Medicine), findet man über 1700 Studien über Kokosöl und seine vielfältigen Wirkungen.11 Es wirkt gegen Candida albicans, gegen Herpes Simplex, gegen verschiedene Hauterkrankungen und eine Reihe weiterer Krankheiten, die durch bestimmte Bakterien, Viren, Pilze und andere Mikroorganismen hervorgerufen werden. Auch äußerlich angewendet hat Kokosöl viele Vorteile. So wurde zum Beispiel herausgefunden, dass naturbelassenes Kokosöl auf der Haut angewendet für etwas 6 Stunden als effektiver Zeckenschutz wirkt (länger als manch chemisches Mittel). Kokosöl kann als schwacher Sonnenschutz eingesetzt werden (LSF 8) und vieles mehr.

Zusammenfassung

  • Der Streit um den Gesundheitswert von gesättigten Fettsäuren wird seit über 50 Jahren geführt.
  • Die „neue“ Studie der American Heart Association, auf welcher die aktuellen Warnungen vor Kokosöl beruhen, ist eine selektive Meta-Analyse sehr weniger alter Studien.
  • Die Hypothese, dass gesättigte Fettsäuren das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöhen, ist nicht bewiesen. Viele Studienergebnisse deuten auf das Gegenteil hin.
  • Auch menschliche Muttermilch enthält eine hohe Menge an gesättigten Fettsäuren, sowie an Laurinsäure, aus der Kokosöl zu 50% besteht.
  • Kokosöl hat erwiesenermaßen positive Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit, insbesondere durch die antimikrobielle Wirkung von Laurinsäure.

Fazit

Es spricht nichts dagegen, Kokosöl und seine vielen gesundheitsfördernden Eigenschaften auch weiterhin als Teil einer ausgewogenen zu Ernährung genießen – am besten in kaltgepresster Bio-Qualität.


Quellen:

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/?term=coconut+oil

http://www.cardiobrief.org/2017/06/16/guest-post-vegetable-oils-francis-bacon-bing-crosby-and-the-american-heart-association/#comments

Z.B. Lawrence GD, “Dietary fats and health: dietary recommendations in the context of scientific evidence”, Mai 2013, Advances in Nutrition

Z.B. Siri-Tarino, P et al.: Saturated fat, carbohydrate, and cardiovascular disease. Am J Clin Nutr 2010;91:502-509; Chowdhury, R et al.: Association of Dietary, Circulating, and Supplement Fatty Acids With Coronary Risk. A Systematic Review and Meta-analysis. Ann Intern Med 2014;160:398-406Malhotra, A: Saturated fat is not the major issue. Let’s bust the myth of its role in heart disease. BMJ 2013;347:f6340, doi: 10.1136/bmj.f6340

Praagmann, J et al.: The association between dietary saturated fatty acids and ischemic heart disease depends on the type and source of fatty acid in the European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition–Netherlands cohort. Am J Clin Nutr 2016;103:356-365

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/7270479

Blackburn GL et al., „A reevaluation of coconut oil’s effect on serum cholesterol and atherogenesis.“ Journal of the Philippine Medical Association. 1989;65(1):144-152.

Kaunitz H, Dayrit CS Coconut oil consumption and coronary heart disease.“ Philippine Journal of Internal Medicine. 1992 May-Jun;30(3):165-171. (Kokosölkonsum und koronare Herzkrankheiten.)

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC2950926/

10 New York Times, Medical Science, Tuesday, January 29, 1991. Common virus seen as having early role in arteries‘ clogging (byline Sandra Blakeslee)

11 https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/?term=coconut+oil