Wie gehst du mit dir selbst um?

Wie behandelst du dich selbst nach Fehlern und Misserfolgen?

Wie redest du innerlich mit dir, wenn du etwas nicht hingekriegt hast, wenn du deine Vorsätze nicht eingehalten oder ein Ziel nicht erreicht hast?

Machst du dich dafür nieder? Oder hältst du zu dir und stärkst dir selbst den Rücken?

Was denkst du in solchen Situationen über dich und wie redest du mit dir?

  • Das war ja mal wieder typisch!
  • War doch klar, dass das nicht funktioniert!
  • Ich kann das einfach nicht…
  • Ich bin einfach zu dumm / zu faul / zu schüchtern / zu schwach / nicht diszipliniert genug … (du weißt, welche Gedanken es bei dir sind!)
  • Nie schaffe ich es, an einer Sache dranzubleiben / XY zu tun…
  • Wie kann man nur so blöd sein…

Vielleicht überschüttest du dich sogar innerlich mit Schimpfwörtern oder Beleidigungen, die du niemals zu deinem Partner oder einer engen Freundin sagen würdest.

Wie kommt das?

Oft versuchen wir, uns durch harte Selbstkritik anzuspornen. Wir wollen sicherstellen, dass, wir es in Zukunft besser machen. Wir machen uns Druck und denken, dass das der beste Motor für positive Veränderung ist.

Wir befürchten, dass wir schwach, verweichlicht und selbstzufrieden werden könnten, wenn wir nach Niederlagen freundlich mit uns umgehen. Dass wir uns dann gehen lassen und alles nur noch schlimmer wird.

Doch wissenschaftliche Studien weisen auf das Gegenteil hin: wer sich nach Niederlagen mit Mitgefühl begegnet, meistert Belastungen leichter, fühlt sich besser und ist motivierter, weiterzumachen.

 

Selbstmitgefühl ist die effektivere Strategie

Selbstmitgefühl bedeutet, dass wir nach Fehlern und Misserfolgen freundlich und nachsichtig mit uns umgehen. Dass wir uns genauso wohlwollend und verständnisvoll behandeln, wie wir uns einer guten Freundin gegenüber verhalten würden.

Vielen Menschen fällt es leichter, andere mit Güte und Nachsicht zu behandeln, als sich selbst. Doch Selbstmitgefühl lässt sich lernen. Und es lohnt sich.

Die Amerikanerin Kristin Neff ist Professorin für Psychologie an der Universität Austin (USA). Sie forscht seit den 1990er Jahren zum Thema Selbstmitgefühl. Umfangreiche Studien durch Neff und andere zeigen:

– Selbstmitgefühl fördert unser seelisches Wohlbefinden und macht uns weniger anfällig für Stress, Angst und Depressionen

– Selbstmitgefühl stärkt unsere Beziehungsfähigkeit

– Selbstmitgefühl hilft uns, gesunde Lebensgewohnheiten aufrecht zu erhalten (z.B. in Bezug auf Ernährung, Bewegung oder Schlaf).

Selbstmitgefühl ist nicht Selbstmitleid

Wenn eine Person in Selbstmitleid versinkt, verstrickt sie sich in ihren eigenen Problemen und verliert dabei aus den Augen, dass andere ähnliche Probleme haben. Sie fühlt sich eher von anderen abgeschnitten und isoliert als mit anderen verbunden, wie es bei Selbstmitgefühl der Fall ist.
Die Person fühlt sich als Opfer, ohnmächtig und hilflos. Die Reaktion ist oft Passivität. Es wird nicht (mehr) aktiv gehandelt und an einer Lösung gearbeitet.

Führt Selbstmitgefühl dazu, sich gehen zu lassen?

Oft sind wir hart zu uns selbst, wenn wir etwas falsch gemacht haben und in unserem Leben etwas verändern wollen. Wir denken, dass wir uns durch Strenge und Selbstzerfleischung zum Handeln zwingen können.
Leider geht der Schuss oft nach hinten los, indem wir uns unbewusst selbst sabotieren und dann gerade nicht das erreichen, wonach wir uns sehnen.
Oder wir verschließen die Augen vor unseren Schwächen, weil wir uns unbewusst vor unserer eigenen Verurteilung schützen wollen.
Die im Selbstmitgefühl enthaltene Fürsorge hingegen motiviert uns zu Wachstum und Veränderung und bietet gleichzeitig einen sicheren Rahmen, um ehrlich zu uns selbst zu sein, ohne uns zu verurteilen.

Selbstmitgefühl praktisch

Mitgefühl mit sich selbst zu haben ist nicht viel anders, als Mitgefühl mit anderen zu haben. Wenn wir Mitgefühl mit anderen haben, dann nehmen wir zunächst wahr, dass sie leiden. Wir fühlen mit anderen mit (= wir haben Mitgefühl). Wir begegnen ihnen dann mit Verständnis und Freundlichkeit, wenn sie Fehler machen oder Versagen.
Mitfühlend mit uns selbst umzugehen bedeutet, dass wir uns selbst gegenüber genauso handeln, wie wir es zum Beispiel unserer besten Freundin gegenüber in schwierigen Situationen tun würden. Anstatt den Schmerz zu ignorieren, sagen wir uns:
„Das ist jetzt wirklich schwer für mich / hat mir weh getan / macht mich traurig… – wie kann ich mir jetzt selbst den Rücken stärken?“

Ein Beispiel:

Du möchtest endlich eine für dich hilfreiche Abendroutine einführen, damit du nachts besser schlafen kannst und morgens mehr Energie hast.

Gestern Abend hast du wieder viel zu lange gearbeitet und bist du direkt nach der Arbeit mit Netflix, Chips und Schoko auf dem Sofa versackt und sogar dort eingeschlafen.

Wie gehst du damit um?

a) Du kannst dich innerlich niedermachen und abkanzeln.

b) Du kannst innehalten und wahrnehmen, wie schwer es dir fällt, von diesen Gewohnheiten wegzukommen. Du nimmst wahr, wie du dich jetzt fühlst. Dann überlegst du, wie du dich jetzt am besten selbst unterstützen kannst, damit das nicht wieder passiert.

 

Weitere Infos und Übungen zum Thema Selbstmitgefühl: