Sei dir selbst eine gute Freundin

Hände, die ein Herz formen

 

 

Wie gehst du mit dir selbst um?

Wie behandelst du dich selbst nach Fehlern und Misserfolgen? Wie redest du innerlich mit dir, wenn dein Handeln und dessen Ergebnisse nicht deinen Erwartungen entsprechen?

Machst du dich dafür nieder? Oder hältst du zu dir und stärkst dir selbst den Rücken?

Viele von uns heben sich Nachsicht und Wohlwollen für ihre Mitmenschen auf. Mit sich selbst dagegen gehen sie hart ins Gericht. Sie versuchen, sich durch ihre Selbstkritik anzuspornen, es in Zukunft besser zu machen. Sie befürchten, dass es sie schwach, nachgiebig und selbstzufrieden machen könnte, wenn sie nach Niederlagen freundlich mit sich umgehen.

Doch wissenschaftliche Studien weisen auf das Gegenteil hin: wer sich nach Niederlagen mit Mitgefühl begegnet, meistert Belastungen leichter, fühlt sich besser und ist motivierter, weiter zu machen.

Selbstmitgefühl ist die effektivere Strategie

Selbstmitgefühl bedeutet, dass wir nach Fehlern und Misserfolgen freundlich und nachsichtig mit uns umgehen. Dass wir uns genauso wohlwollend und verständnisvoll behandeln, wie wir uns einer guten Freundin gegenüber verhalten würden. Vielen Menschen fällt es leichter, anderen mit Güte und Nachsicht zu begegnen, als sich selbst. Doch Selbstmitgefühl lässt sich lernen. Und es lohnt sich.

Die Amerikanerin Kristin Neff ist Professorin für Psychologie an der Universität Austin (USA). Sie forscht seit den 1990er Jahren zum Thema Selbstmitgefühl. Umfangreiche Studien durch Neff und andere zeigen, dass größeres Selbstmitgefühl unser seelisches Wohlbefinden fördert und uns weniger anfällig macht für Stress, Angst und Depressionen. Selbstmitgefühl stärkt unsere Beziehungsfähigkeit und hilft uns, gesunde Lebensgewohnheiten aufrecht zu erhalten (z.B. in Bezug auf Ernährung und Bewegung). Insbesondere Menschen in helfenden Berufen schützt Selbstmitgefühl vor Burnout und emotionaler Abstumpfung.

Was ist Selbstmitgefühl und was ist es nicht?

Selbstmitgefühl und Selbstwert

Ein hohes Selbstwertgefühl ist in der Regel gut für unsere psychische Gesundheit, hat aber auch seine Schattenseiten. Wenn es sich nicht auf einer unabhängigen und stabilen Größe wie zum Beispiel der bedingungslosen Liebe Gottes gründet, dann basiert es in unserer Kultur oft auf Dingen wie Können, Erfolg, Besitz und Anerkennung durch andere. All diese Faktoren können im Laufe eines Lebens jedoch stark schwanken. Was passiert dann, wenn ich arbeitslos, alt oder krank werde und nicht mehr leistungsfähig bin?

Bei einem leistungsbasierten Selbstwertgefühl vergleichen wir uns außerdem mit anderen und unser gefühlter Selbstwert steigt, wenn wir uns besser fühlen als andere. Dies birgt die Gefahr, selbstbezogen und egoistisch zu werden, sowie die Tendenz, Fehler und Niederlagen zu kaschieren.

Selbstmitgefühl stärkt ebenfalls unsere psychische Gesundheit, birgt aber keine der oben genannten Risiken. Es ist unabhängig von unserer Leistung, und wir müssen nicht besser als andere sein, um uns gut zu fühlen. Menschen praktizieren Selbstmitgefühl nicht als Antwort auf irgendwelche besonderen Eigenschaften, die sie „wertvoll“ machen, sondern weil alle Menschen Mitgefühl und Verständnis verdienen. Forschungen deuten darauf hin, dass Selbstmitgefühl im Vergleich zu einem hohen Selbstwertgefühl die seelischen Abwehrkräfte stärkt, uns hilft, uns selbst klarer zu sehen und gleichzeitig weniger narzisstische Tendenzen und reaktiven Ärger zu entwickeln.

Selbstmitgefühl und Selbstmitleid

Wenn eine Person in Selbstmitleid versinkt, verstrickt sie sich in ihren eigenen Problemen und verliert dabei aus den Augen, dass andere ähnliche Probleme haben. Die Reaktion ist oft Passivität. Die Person fühlt sich als Opfer, ohnmächtig und hilflos. Sie fühlt sich eher von anderen abgeschnitten und isoliert als mit anderen verbunden, wie es bei Selbstmitgefühl der Fall ist.

Führt Selbstmitgefühl dazu, sich gehen zu lassen?

Oft sind wir hart zu uns selbst, wenn wir etwas falsch gemacht haben und in unserem Leben etwas verändern wollen. Wir denken, dass wir uns durch Strenge und Selbstzerfleischung zum Handeln zwingen können. Leider geht der Schuss oft nach hinten los, indem wir uns unbewusst selbst sabotieren. Oder indem wir die Augen vor unseren Schwächen verschließen, weil wir uns unbewusst vor unserer eigenen Verurteilung schützen wollen. Die im Mitgefühl enthaltene Fürsorge hingegen motiviert uns zu Wachstum und Veränderung und bietet gleichzeitig einen sicheren Rahmen, um ehrlich zu uns selbst zu sein, ohne uns zu verurteilen.

Selbstmitgefühl praktisch

Mitgefühl mit sich selbst zu haben ist nicht viel anders als Mitgefühl mit anderen zu haben. Wenn wir Mitgefühl mit anderen haben, dann nehmen wir zunächst wahr, dass sie leiden. Wenn unser Herz davon berührt wird, fühlen mit anderen mit (= wir haben Mitgefühl). Wir begegnen ihnen dann mit Verständnis und Freundlichkeit, wenn sie Fehler machen oder Versagen. Mitfühlend mit uns selbst umzugehen bedeutet, dass wir uns selbst gegenüber genauso handeln, wie wir es anderen gegenüber in schwierigen Situationen tun würden. Anstatt den Schmerz zu ignorieren, sagen wir uns „Das ist jetzt wirklich schwierig – wie kann ich mir jetzt selbst den Rücken stärken?“

Eine Übung für mehr Selbstmitgefühl:

Wie würdest du mit einer Freundin umgehen?

Beantworte die folgenden Fragen am besten schriftlich:

  1. Stell dir vor, eine sehr enge Freundin fühlt sich richtig schlecht im Bezug auf sich selbst und hat eine Niederlage zu verarbeiten. Wie würdest du in dieser Situation mit deiner Freundin umgehen? Schreibe auf, was du typischerweise tun würdest, was du ihr sagen würdest, und in welchem Tonfall du normalerweise mit deinen Freunden sprichst.
  2. Jetzt denke an Zeiten, in denen du dich schlecht fühlst in Bezug auf dich selbst und mit Versagen und Rückschlägen zu kämpfen hast. Wie gehst du in solchen Situationen typischerweise mit dir selbst um?
  3. Kannst du Unterschiede feststellen? Wenn ja, frag dich, warum das so ist. Warum behandelst du dich selbst und andere so unterschiedlich?
  4. Was wäre, wenn du mit dir selbst auf die gleiche Art und Weise umgehen würdest wie mit einer guten Freundin, wenn es dir schlecht geht. Was glaubst du würde sich ändern? Schreibe es auf.

Probiere doch mal aus, dich selbst wie eine gute Freundin zu behandeln und beobachte, was passiert!

Ich bin gespannt, welche Erfahrungen du mit Selbstmitgefühl machst! Berichte uns gerne in den Kommentaren oder schreib mir eine Email an Susanne@lebeheute.de

 

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